Die »Schnitger-Kirche«

St. Pankratius-Kirche in Hamburg-Neuenfelde

Offene Kirche
Diese Kirche ist verlässlich geöffnet,
täglich von 9 bis mindestens 16 Uhr (meist bis zum Einbruch der Dunkelheit).
 
Gruppenführungen
ohne Orgelvorführung*
nach Terminvereinbarung
(040 - 54 80 48 85 / Buero.KG.Neuenfelde[at]gmx.de)

Orgelvorführungen**
nach Terminvereinbarung mit Kirchenmusiker Hilger Kespohl
(0173 – 286 69 50 / kespohl[at]schnitgerorgel.de)

* um eine Spende wird gebeten
** für Kostenpauschale an Organisten


Die Kirche und ihre Einrichtung

Die Neuenfelder Landpfarrkirche – 1682 erbaut, bis 1731 einheitlich barock eingerichtet – ist der wohl bedeutendste geschichtliche Ort für Freunde des berühmtesten Orgelbauers Nordeuropas: Arp Schnitger.

OrgelArp Schnitger (1648-1719) schuf hier seine größte erhaltene zweimanualige Orgel (II/P/34) auf einer doppelten Empore in akustisch idealer äußerster Höhe (1683-1688), fand dabei seine Ehefrau, die Neuenfelder Hoferbin Gertrud Otte, und baute, durch Heirat Gemeindeglied geworden, ihr und sich einen Kirchenstuhl südlich neben dem Kanzelkorb mit beider Hausmarken über den Fensterchen: Seine zeigt einen Arm, der aus Himmelswolken einen Zirkel herabreicht, das Handwerkszeichen der Orgelbauer, und ihre Hausmarke Ähren und Obstbaum für Acker- und Obstbau. Das berühmte Gemeindeglied, seine erste Ehefrau und Tochter erhielten – wie hier sonst nur Gemeindepastoren und andere Amtspersonen – ihr Grab in dieser Kirche. Daran erinnert eine moderne Bodenplatte im Gang zur Nordtür neben Schnitgers Gruft.
Regelmäßig konzertant erklingt Schnitgers Orgel in den gut besuchten Neuenfelder Orgelmusiken (erster Sonntag in den Monaten April bis Dezember, 16.30 Uhr, Eintritt frei).

Zur Vor- und Baugeschichte dieses barocken Kirchenbaus: Als dereinst in der Elbmarschenlandschaft »Altes Land« hier deren östliches Drittel (östlich des Elbzuflusses Este), die »Dritte Meile«, besiedelt wurde, bauten die sächsischen Siedler ihre Kirche auf dem höchsten Punkt weit und breit, einer natürlichen Sanddüne. Diese Kirchendüne bot allen Zuflucht, sooft Sturmfluten das tief gelegene Marschland überschwemmten, zuletzt verheerend 1962. Wann der einzige nachweisbare steinerne Vorgängerbau dieser Kirche errichtet wurde, ist unbekannt. Aus ihm stammen der romanische achteckige Taufstein im Vorraum und der Grabstein eines Priesters Johannes von 1503 (heute in der Südwandnische aufgestellt). Die Gemeinde wuchs, die alte Kirche wurde viel zu klein.
Unter dem Pastor und Altländer Propst Johann Hinrich von Finckh (sein überlebensgroßes Porträt hängt an der Nordwand, gegenüber einer eben so großen Darstellung der Kreuzigung Jesu) entschloss man sich 1677 zum etwa doppelt so großen Neubau. Nach zwei Jahren hatte man alle Genehmigungen zusammen, nach drei weiteren Jahren auch das nötige Geld beschafft, zu erheblichen Teilen aus dem Verkauf der Bankplätze in der neuen Kirche. 1682 wurde die alte Kirche nach Ostern abgerissen, am 23. Mai der Grundstein für die jetzige Kirche gelegt und schon am 1. Advent desselben Jahrs der erste Gottesdienst in der neuen Kirche gefeiert, weil der Baumeister vier Firmen gleichzeitig arbeiten ließ an diesem Saalbau mit ungewöhnlich großer Brettertonne (Breite: 14 m).
 

Innen ist die Kirche von jeher auf den Altar ausgerichtet. Diese Kanzel-Altarwand des Hamburger Bildschnitzers Christian Precht, Norddeutschlands ältester Kanzelaltar, wurde bei ihrer Errichtung 1688 als äußerst modisch-modern empfunden, denn Kanzelaltäre wurden an der Unterelbe erst etwa vier Jahrzehnte später, in Hamburg anscheinend niemals üblich. Am Kanzelkorb sind Christus mit der Weltkugel und an seinen Seiten die vier Evangelisten zu erkennen (wie an der Deckenbemalung unter der Orgelempore): Matthäus mit Engel, Markus mit Löwe, Lukas mit Stier und Johannes mit Adler. PetrusPaulusDarunter die beiden wichtigsten Apostel und Briefeschreiber des Neuen Testaments: Petrus mit Schlüssel und Paulus mit Schwert. Beiderseits der Kanzel erinnert je ein farbenfrohes Wappen daran, dass dieser Altarbau wesentlich durch eine Spende des schwedischen Grafen Otto Wilhelm von Königsmarck (links) und seiner Ehefrau Charlotte de la Gardie (rechts) ermöglicht wurde, die damals auf Schloss Agathenburg residierten. Die Kirchenstühle beiderseits der Kanzel oben wurden ursprünglich für die Familien des Pastors Johann Hinrich von Finckh (links) und des Orgelbauers Arp Schnitger (rechts) errichtet.
Nach den abgründigen Todesschrecken des Dreißigjährigen Krieges möchte dieser Altar – wie vielerorts der Kirchenbarock – möglichst viel vom Glanz Gottes und Jesu ewiger Lebendigkeit widerspiegeln, so auch die fünf Altargemälde. Das mittlere zeigt Jesu Auferweckung, die anderen beiderseits der Kanzel erinnern daran, wie mit Christus das ewige Leben zu uns kommt:
● auf den zwei Bildern im Norden durch Jesus, den Ewigen, neu geboren in unser Erdenleben hinein, den die Hirten im Stall anbeten, die Altweisen im Tempel loben;
● auf den zwei Bildern im Süden durch unsere eigene Neugeburt, Jesus nach, ins ewige Leben durchs ›Wasser‹ der Taufe, in der wir – wie einst Jesus bei seiner Taufe im Jordan – Gottes ewigen Zuspruch und Geist erfahren, und durch das lebendige ›Wasser‹ (Wort), das Jesus uns anbietet, wie er der Samariterin am Brunnen sagt: »Wer von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm gebe, das wird ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.«
Ans Abendmahl erinnern beiderseits der Altarstufe die Kniebänke, an denen früher mit Altarumgang einerseits Brot, andererseits Wein gereicht wurde. Auf das Kreuzesgeschehen weist zusätzlich zu den Marterwerkzeugen auf dem Kanzeldeckel ein Altarkreuz von 1841 hin.
Die Altarbehänge (Antependien) sind neuzeitlich, greifen aber alte Tiersymbolik auf. Der Maler Otto Rahm entwarf als Webarbeiten den ›weißen‹ Behang mit dem Pelikan, der sich mit dem Schnabel die Brust öffnet, um die Seinen mit seinem Herzblut zu nähren, eine Anspielung auf das Abendmahl (für die Christus-Festzeiten, bes. Weihnachten, Gründonnerstag und Ostern), außerdem den grünen Behang für Sonntage ohne Besonderheiten. Das Einhorn darauf ist ein altes Christussymbol: Der Legende nach stärker als alle anderen Tiere, von keinem Jäger zu fangen, lässt es sich nur im Schoß der Jungfrau fassen – wie Christus, das Jungfrauenkind, das kraft seiner Auferstehung unwiderstehlich die Gitter des Todes zerreißt. Der rote Altarbehang für Pfingsten und andere Feste der Kirche selbst - ein Entwurf Sabine Paeschels aus Hamburg, den Sie 2008 aus Seide und Goldlame nähte – nimmt mit der goldenen Rosette in der Mitte und den vier Symbolwesen der Evangelisten (s.o.) Motive und Farben des Kanzelkorbs auf.

Über dem Altar zeigt das Deckengemälde, das die ganze Holztonne ausfüllt (1683 von Berichau und Wördenhoff aus Hamburg geschaffen; zuletzt restauriert 2005), Jesus als Weltenrichter im Jüngsten Gericht, von Engeln unterstützt, flankiert von Märtyrern, Propheten und Aposteln. Die beiden Deckenjoche davor nehmen dieses Thema auf mit Verheißungen zu Jesu Rechten (Norden) und Drohungen zu seiner Linken (Süden). Das Zentraljoch, in dem der 1709 gestiftete Kronleuchter hängt, betont in Wort und Bild den Erntesegen in Feld und Garten, der aller wahren Gottesfurcht winkt, und nennt im Deckenscheitel – auf dem Spruchband um die mittlere von insgesamt drei Sonnen (Dreieinigkeit) – das Motto dieser Kirche: »Wie Heilig ist diese Stette, hie ist nichts anders den Gottes hauß, vnd hie ist die Pforte des Himmels« (1. Mose 28,17). Auch die übrigen Deckenjoche sind ganz von kleinen und großen Engel bestimmt, die sich Bibelworten widmen, rund um die Orgel allerdings dem Gotteslob durch Kirchenmusik. Für eine Betrachtung in dunkleren Stunden steht eine Deckenbeleuchtung zur Verfügung; ihr Zeitschalter findet sich in der Nordwest-Ecke des Kirchenschiffs.

Aus dem gleichen Jahr wie die Deckenmalerei stammt der von drei Putten getragene Taufstein. TaufbekrönungEr ersetzte seinen mittelalterlichen Vorgänger (jetzt im Vorraum). Das Bodenrelief der Beckenschläger-Taufschale aus Messing stellt den Sündenfall dar, von dessen Folgen die Taufe befreit. Die hohe Bekrönung – bis 1954 über dem Kanzeldeckel – ist unten mit musizierenden Putten barock ergänzt. Im älteren Teil darüber (Renaissancestil) zeigt sie oben ähnlich wie der Kanzelkorb den auferstandenen, vollendeten Christus, der die Welt hält (»Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden; darum geht hin, macht zu Jüngern alle Völker, tauft sie …«), darunter in zwei Ebenen die zwölf Jünger. Dieses Motiv des segnenden Christus und seiner Jünger nehmen die Brüstungsmalereien an der unteren Orgelempore auf.

Als Georg Clemens von Finkh, der Sohn des Kirchenerbauers, Pastor in Neuenfelde war, erwies sich: Diese Kirche braucht noch mehr Sitzplatz. So wurde das Gemeindegestühl in den Altarraum hinein erweitert: Im Norden die »Bunten Stühle« von 1729, genutzt von normalen Gemeindegliedern, wie die eingravierten Namen zeigen. CaritasDieses Gestühl ist bekrönt von den vier antiken Kardinaltugenden Besonnenheit, Tapferkeit, Weisheit und Gerechtigkeit, mit Blick zum Altar von den christlichen Tugenden: klassisch Liebe, Glaube, Hoffnung, hier ergänzt um die Geduld (patientia). Gegenüber entstand im Jahr darauf ein gedeckter, prächtiger Beichtstuhl (bekrönt von der ›Rechtgläubigkeit‹), bescheidener davor 1731 der Kirchenvorsteherstuhl, der noch heute als solcher genutzt wird. Die Pflicht zur Einzelbeichte vor jeder Abendmahlsteilnahme dauerte in lutherischen Kirchen bis ins frühe 20. Jahrhundert an. Bis dahin auch war dieser Kirchbau sonn- und feiertags gut gefüllt. Dies geschieht heute regelmäßig beim Jugendgottesdienst an jedem ersten Donnerstag im Monat um 19.30 Uhr.

Benannt ist diese Kirche nach ihrem Patron, dem ›Eisheiligen‹ Pankratius, einem jugendlichen Märtyrer Roms († 12.5.304). Abgebildet ist er in ihr nicht, dafür mehr als ein Dutzend Mal Jesus Christus, an den er glaubte, für den er starb.

Ein Glockenturm stand ursprünglich abseits der Kirche. Durch Blitzschlag 1786 zerstört, wurde er 1841 durch den heutigen Turm vor der Westfront ersetzt (Höhe: 39,60 m), darin ein Glockenstuhl mit zwei Glocken (1786 Bieber es‘ – 1954 Rincker c‘).

Von der Kirche und Orgel Arp Schnitgers gibt es auch Postkarten, einen Kirchenführer, CDs und DVDs gegenüber der Kirche im Gemeindehaus (Büro) und im Pfarrhaus hinter dem Gemeindehaus.